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Was war denn früher wirklich besser?

3. September 2019

Was war denn früher wirklich besser?

Wir sassen im Wohnzimmer und lasen die Zeitung, wie wir das an den meisten Sonntagnachmittagen tun. Anna stiess dabei auf eine Buchempfehlung mit dem Titel «Was genau war früher besser?» mit dem provozierenden Untertitel «Ein optimistischer Wutanfall». Autor ist der französische Philosoph Michel Serres. Wir fanden das Thema sehr interessant, denn wir alle neigen dazu, die Vergangenheit zu verklären. Der englische Schriftsteller William Somerset Maugham formulierte diesen Umstand humorvoll: «Jede Generation lächelt über die Väter, lacht über die Grossväter und bewundert ihre Urgrossväter!»

 

Beim Lesen des Buches stiess natürlich jenes Kapitel auf mein besonderes Interesse, das im weitesten Sinn mit Kochen zu tun hat und das Serres mit «Lebensmittelherkunft» betitelte. Seine Beispiele, die er noch selbst erlebte, beginnen immer mit der Bemerkung: «Ah! Die Herkunft!» und beschreiben Zustände, die wir uns fast nicht vorstellen können. Ein Müsterchen gefällig, bitte: «Nachdem der Schinken (…) lange Monate im Keller verbracht hatte, brauchte es ein spitzes Messer, um die zwischen Fleisch und Fett sitzenden Maden aufzustöbern und sie, unsere direkten Konkurrenten beim Fleischverzehr, herauszupulen.»

 

Herr Serres hatte fast den gleichen Jahrgang wie mein Vater, so weit sind diese Zustände also noch nicht weg. Noch gut kann ich mich selbst erinnern, als meine Grosseltern von ihren Kindern zu Weihnachten einen Kühlschrank geschenkt bekamen. Vorher konnten sie keine Lebensmittel kühlen (ausser in den kalten Jahreszeiten zwischen Vorfenster und Fenster).

 

Und wie sah es in der Küche unserer Eltern aus? Der Abfall wurde unter der Spüle im legendären Ochsner Eimer entsorgt und blieb dort mehrere Tage, bis die Abfuhrmänner kamen, denn es gab keine Containersammelplätze ausserhalb des Hauses. Das Spülbecken war aus Steingut, denn Chromstahlabdeckungen kannte man noch nicht, das Mikrowellengerät war noch nicht erfunden und die Aufregung war gross, als der erste elektrische Mixer in den Haushalt kam. Auch Alu- oder Transparentfolie und die praktischen Aufbewahrungsbehälter aus lebensmittelgerechtem Plastik waren noch weitgehend unbekannt.

 

Was für Privilegien haben wir doch heute. In allen Haushalten findet man einen Kühlschrank (meistens mit Tiefkühlfach), oft noch ein zusätzliches Tiefkühlgerät und auch der Geschirrspüler ist zur Norm geworden. Die Lebensmittel haben ein Verfalldatum, und ihre Herkunft ist klar deklariert. Vieles ist in der Haushaltküche besser geworden, so dass wir heute mit grosser Freude kochen können, auch die Rezepte unserer Eltern und Grosseltern.

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