Die soziale Komponente beim Essen

4. Dezember 2020

Die soziale Komponente beim Essen

Es war eine Schocknachricht für die Italiener, als während der zweiten Coronawelle im Herbst 2020 die Regierung in Rom verordnete, dass Restaurants um 18.00 Uhr schliessen mussten. Kurz vor dieser Massnahme weilten wir noch mit Freunden für ein Wochenende in Florenz und genossen das Essen in einem der für diese Stadt typischen kleinen Restaurants in den engen Gassen. Es herrschte Hochbetrieb, die Stimmung war ausgezeichnet. Menschen feierten, assen und unterhielten sich rege. Wir genossen diese typische, zuweilen auch laute, italienische Atmosphäre, die aus einer Mischung vieler Faktoren besteht, wie den gut gekleideten Kellnern, den weissen Tischdecken, der modischen Bekleidung vor allem der jungen Gäste, den Gerüchen der Speisen, welche an die Tische getragen wurden, dem offenen Blick in die Küche, dem seufzenden oder sanft knallenden Geräusch der Korkzapfen, die aus Weinflaschen gezogen werden, dem Klappern beim Abräumen des gebrauchten Bestecks und Geschirrs nach den einzelnen Gängen, dem Knarren und Quietschen herumrückender Stühle, dem kühlen Luftzug beim Öffnen der Aussentüre, dem verstohlenen Schielen zu den Nachbartischen, um zu erraten, was wohl bestellt worden war, dem herrlichen Duft des frisch gebrauten Espressos, dem Geplapper der Kinder und den neugierigen, ja fast prüfenden Blicken auf all jene, die hereinkamen oder hinausgingen, dem Lachen, Schmunzeln und Kichern und den Gesten, welche den gesprochenen Worten zusätzliche Bedeutung verleihen sollten  … kurz, es war Lebensfreude pur!

Dies hat mich wieder daran erinnert, dass Kochen und Essen seit jeher mit Gemeinschaft verbunden sind. Dass diese Gemeinschaft sehr wichtig ist, hat auch die Trendforscherin Christine Schäfer bestätigt. In einem Interview mit dem Migros-Magazin vom 24. Februar 2020 verneinte sie die Vermutung, dass die soziale Komponente beim Essen immer weniger wichtig sei. Sie meinte im Gegenteil, dass Essen mit Freunden immer bedeutungsvoller werde. Im Verlauf des Interviews erwähnte sie einen eigenartigen Trend in Südkorea. Dort gibt es immer mehr Leute, die sich beim Essen streamen und die Zuschauer, welche sich einklicken, ebenfalls essen, wodurch eine virtuelle soziale Interaktion entsteht, in der man sich weniger allein fühlt. Diese digitale Gemeinschaft ist aus meiner Perspektive allerdings ein schlechter Ersatz für das physische Zusammensein als einem wichtigen Aspekt des Essens. Dafür wird es wohl nie einen wirklichen Ersatz geben, denn als Menschen brauchen wir direkte Kommunikation, wirkliche Berührungspunkte und gemeinsame Erlebnisse.

In diesen Corona-Zeiten sind die Menschen begreiflicherweise viel vorsichtiger geworden. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat empfohlen, sich mit so wenigen Menschen zu treffen wie möglich, dafür aber öfter mit denselben Personen (Stand November 2020). Lasst uns also kreativ sein und immer wieder Gründe finden, einander auch in diesem beschränkten Rahmen oft zu treffen und dabei den gemeinschaftlichen Aspekt des Essens nicht nur zu pflegen, sondern zu feiern!

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