Essscham?

5. Oktober 2021

Essscham?

Der Neologismus „Flugscham“ hat in die deutsche Sprache Eingang gefunden und steht seit 2020 im Duden. Als eine Übersetzung des schwedischen „flygskam‘ bezeichnet er das Konzept, dass jedermann ein Schamgefühl beim Gedanken an eine Flugreise haben sollte. Flugscham ist also ein Mittel, um die Menschen leise anzustossen, ihr Verhalten in Bezug auf das Fliegen zu ändern. Das nennt man auch „nudging“, auf gut deutsch: anstossen, schubsen oder stupsen. Ziel des Nudging ist es, jemanden auf mehr oder weniger subtile Weise dazu zu bewegen, etwas Bestimmtes einmalig oder dauerhaft zu tun oder zu lassen.

Dieses Nudging greift nun auch auf das Essen über. Man wird angestossen, auf bestimmte Nahrungsmittel zu verzichten, um damit einen Beitrag zum Tierwohl, zur CO2 Reduktion oder zur persönlichen Gesundheit zu leisten. Dabei sind besonders Nahrungsmittel wie Zucker, Fleisch oder Fett auf der bösen Seite und vegetarische oder noch besser vegane Nahrungsmittel auf der guten. Supermarktketten haben begonnen, Lebensmittel mit einem Ampelsystem in gute und weniger gute zu unterteilen. Die EU plant die Einführung eines ähnlichen Systems bis 2022, aber es gibt schon jetzt fragwürdige staatliche Eingriffe, wie z.B. an der Universität Luzern, wo in der Mensa keine Fleischgerichte mehr angeboten werden dürfen. Muss sich einer also bald schämen, wenn er im Bestreben, sich ausgewogen zu ernähren, Produkte zu sich nimmt, die bei gewissen Ernährungspropheten verpönt sind? Kommt nach der Flugscham nun auch die Essscham?

Ich hoffe nicht! Denn weder brauchen wir eine weitere Bevormundung, noch glaube ich, dass sich alle Menschen dieses freundliche Stossen zu einer unfreundlichen Übernahme eines Teils ihrer Privatsphäre auf die Dauer gefallen lassen. Zudem führt Essscham früher oder später zu einer Anti- Genusskultur, die einem den Appetit verderben kann. Beschämend an der Ernährungsdiskussion in unserer Wohlstandsgesellschaft ist eher, dass wir es uns leisten können, gewisse Nahrungsmittel schlecht zu machen.

Extreme vermeiden und Ausgewogenheit pflegen gilt für alle Bereiche des Lebens. Für das Essen heisst dies, auf eine angemessene Kalorienzufuhr achten, dem Körper alle wichtigen Stoffe zuführen, Abwechslung in der Ernährung beachten und bei nachgewiesener Nahrungsmittel Intoleranz auf die Speisenzusammenstellung entsprechend Rücksicht nehmen. Glücklicherweise haben wir in unseren Breitengraden eine grosse Fülle verschiedener Nahrungsmittel zur Verfügung, so dass wir uns jederzeit ausgewogen ernähren können.

Für Essscham gibt es keine vernünftige Begründung. Der deutsche Ernährungswissenschaftler Uwe Knop geht sogar soweit, dass er für folgendes plädiert: nur essen, worauf man Lust hat und nur dann essen, wenn man Appetit verspürt. In diesem Zusammenhang spricht er von einer in uns wohnenden „kulinarischen Körperintelligenz“, auf die wir in Bezug auf Ernährung achten sollten.

Erstaunliches kann man schon in der Bibel über das Essen lesen. Sie sagt, dass der Mensch alles mit Dank geniessen soll, gleichzeitig aber jene zu respektieren hat, die andere Essgewohnheiten pflegen.

Voilà, keine Essscham also, einfach nur Toleranz.

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