Laudatio von Piergiorgio

5. September 2022

Laudatio von Piergiorgo

Gast Blog von Piergiorgio Tami zum 70. Geburtstag von Massimo (übersetzt aus dem Englischen von M.S.)

 

Bless The Food Before Us,

The Family Beside Us,

The Friend Near Us,

And The Love Between Us

Besonders dann, wenn wir Düfte und Aromen aus der Küche wahrnehmen, schwelgen wir in unseren Kindheitserinnerungen, denn das Gedächtnis liegt in den Speisen.

Ich liess meine Gedanken nach solchen Erinnerungen mit Massimo a casa suchen. Während ich diese Zeilen schreibe, geniesse ich die Süsse dieser Erinnerungen. Dabei denke ich (und sehne mich danach) an die unterschiedlichen Mahlzeiten, Gerichte und das gemeinsame Kochen, die ein wesentlicher Teil meiner Freundschaft mit Max sind. Problemlos kann ich Mahlzeiten nennen, die wir nach dem Einkaufen in Bern mit Freude zubereitet haben, ein Beweis dafür, dass Nahrung ein Eckpfeiler der persönlichen Identität ist, seit die Menschheit gelernt hat, dass es mehr gibt als blosse Nahrungsaufnahme zum Überleben, nämlich die Freude am Essen. Als Christen kommt uns dazu das Abendmahl in den Sinn, das als einfaches Mahl alle Barrieren durchbrechen und menschliche Wesen miteinander verbinden kann. Dieses Abendessen, das „Letzte Abendmahl“, wie es genannt und sogar gemalt wird, ist zu einem immerwährenden Symbol für die Verbindung zwischen Himmel und Erde geworden und vor allem zu etwas, an das man sich erinnern kann.

Der delikate Geschmack und die Aromen eines Gerichts mit Massimo a casa zu geniessen, beginnt nicht erst, wenn man sich an den Tisch setzt, sondern schon frühmorgens nach dem Aufstehen. In der Tat richte ich es immer so ein, dass ich für meine Verpflichtungen in der Schweiz am Freitagabend anreise, damit ich mit Max zusammen auf den wunderbaren Samstagsmarkt in Berns Altstadt gehen kann.

Dies hat sich über die Jahre zu einer Tradition entwickelt, die wir „Holy Saturday“ nennen. Ob das Wetter sonnig, regnerisch, tropisch heiss oder eiskalt ist, durch den Markt in den Gassen und Plätzen der Altstadt zu streifen, dieser einmaligen Szenerie des UNESCO Welterbes, ist etwas, das man mit der Seele erleben muss. Hier lässt man sich gehen. Man erlaubt es, dass Gerüche und Aromen von frischen lokalen Produkten von einem Besitz nehmen, Gerüche und Aromen von Gebackenem, von Früchten, Gemüse, Käse, Honig oder Fleisch. Die Farben, die lebendige Atmosphäre, die Geräusche, die Düfte, das gelegentliche Degustieren, berühren die Sinnesorgane. Darum braucht es auf diesem Marktrundgang auch keinen Einkaufszettel mit den Zutaten für ein vorgesehenes Menü. Wir wollen uns vom Markt überraschen lassen! Gemeinsam bauen wir die Menüs auf dem auf, was unsere Sinnesorgane signalisieren und am Verlangen, das sie auslösen.

Zufrieden mit den gekauften Produkten in den Taschen, begeben wir uns in ein bekanntes italienisches Restaurant zum traditionellen Campari, der normalerweise von einigen Scheiben fein geschnittenem Parmaschinken begleitet wird – ein fast religiöses Zeremoniell. Es gibt keinen Grund, möglichst rasch nach Hause zu gehen, das würde den ganzen Tag verderben, denn es geht hauptsächlich darum zu geniessen, Gemeinschaft zu pflegen und über tausend Dinge zu plaudern. Es ist eine Form des Feierns, und das ist einfach wunderbar. Die Bitterkeit und Kräuter des Campari sind ein einzigartiger Geschmack und eine Identität der „roten Leidenschaft“, die schon immer das Symbol seines Mythos war. Eine Runde, oder vielleicht auch zwei, und dann verlassen wir gemächlich die alten imposanten Sandsteinbauten und den unvergleichlichen Charme des mittelalterlichen Berns. Wenn ich mich richtig erinnere, kostet das Parken eines Autos im Parkhaus etwa so viel, wie ein Campari. Nun, ich denke, wir unterstützen die Stadt und diejenigen, die dort arbeiten, um die Traditionen am Leben zu erhalten!

Wie sieht der weitere Verlauf des Tages nun aus, jetzt, da Massimo tatsächlich „a casa“, eben zu Hause ist? Mit dem Kochen wird nicht begonnen, bevor die geeignete Musik aufgesetzt wurde, die uns durch diesen Nachmittag und frühen Abend begleiten soll. Max bevorzugt Opern besonders Verdi und Rossini, der Klassiker und Szene-Liebling der Italiener, was seinen italienischen Wurzeln und Traditionen entspricht. Anschliessend stimmen wir die Aufgaben ab für die Vorbereitung dieses Drei Gang Menüs, das wir zusammen mit unseren Ehefrauen und den erwachsenen Kindern von Max und Anna geniessen wollen. Ein solches Abendessen ist aber nicht vollständig ohne unsere gemeinsamen Freunde Bob und Rosmarie, einem liebenswürdigen Ehepaar, welches mit ihrem für mich schwer entzifferbaren Berner Dialekt und ihrem Berner Sennenhund echte „Bernness“ verkörpern.

Die verschiedenen Phasen des Kochens zeigen immer die Einzigartigkeit von Max‘ sauberem, architektonischem und kalkuliertem Ansatz (der eher seiner Schweizer Seite geschuldet ist als seiner italienischen), währendem ich meine eigene, zerstreute und undisziplinierte Tessiner Art mit asiatischem Stil kombiniere. Die Gespräche, welche wir während des Kochens führen, werden regelmässig unterbrochen durch Fragen wie: „Wo ist der Löffel oder das Messer, das ich gerade benutzt habe?“ auf die Max dann mit einem Lächeln unter seinem Schnauz antwortet: „Habe ich gerade abgewaschen“. Wir lieben es auch, über Küchengeräte oder Accessoires zu sprechen, und wenn wir durch die Strassen von Bern gehen, machen wir es so wie Kinder, die es lieben, Spielzeugläden zu betreten, und gewähren uns schelmisch einen kurzen Ausflug in eines der Küchengeschäfte, wo wir Produkte ansehen und Neuigkeiten „inspizieren“, die wir vielleicht irgendwann kaufen wollen.

Das Schneiden, Hacken, Öffnen und Schliessen von Schubladen, Kühlschrank- und Schranktüren ist wie ein Ballett und die präzise Beschriftung der Vorratsbehälter und Gewürzgläser erleichtert das Kochen bei Massimo a casa. Während ich in Gedanken meine Excel-Datei öffne, um nach einer Anleitung für das Gericht zu suchen und mich stark auf mein historisches Gespür für „ein bisschen von dem und ein bisschen von dem“ verlasse, holt Max seine gedruckten Rezeptblätter heraus, die vorbildlich in Plastikhüllen gesteckt sind und genaue Angaben in Gramm oder Milliliter enthalten.

Um Fünf Uhr legen wir eine kleine Pause ein, denn es ist Zeit für einen Apéro. Entweder, weil es das Rezept verlangt, oder einfach nur aus dem unentschuldbaren Wunsch den Durst zu stillen, wird kurzerhand eine Flasche Weisswein oder Prosecco geöffnet und mit einem fröhlichen „salute“ ein Glas davon getrunken, vielleicht mit einem Schuss Campari, als Link zur brüderlichen Gemeinschaft vom Vormittag. Dann geht es weiter, das niedergegarte Fleisch muss zurechtgemacht und das mise en place für das unvergleichliche Risotto vorbereitet werden, das Max erst kocht, wenn die Gäste eingetroffen sind.

Max’ Repertoire ist ziemlich umfangreich und seine Vertrautheit mit der italienischen Küche ist beeindruckend. Wenn man seine Bücher im Wohnzimmer ansieht, dann versteht man, dass Leidenschaft und Hingabe die Säulen des Kochens sind. Liebe und Respekt vor dem Essen schaffen bleibende kulinarische Erinnerungen und segnen unser Leben beim fröhlichen Zusammentreffen von Familie und Freunden. Kochen ist eine Kunst und zugleich eine ausdruckstarke Sprache inniger Liebe.

Und so sind die Gäste angekommen und sitzen am Tisch. Sie erleben ein Ereignis, das tiefe Gefühle einfängt, wo Essen, Gemeinschaft, Freunde und Familie untrennbar miteinander verflochten sind, um eine bleibende Erinnerung zu hinterlassen. Essen bei Massimo wird immer von reichhaltigen Weinen begleitet mit vollen, angenehmen und abgerundeten Aromen. Die Gespräche fliessen frei, wobei sich Berndeutsch, Englisch und Italienisch abwechseln. Wiederkehrende Erinnerungen an Geschichten, Anekdoten und an das frühmorgendliche Berner Markterlebnis schmücken den Abend.Solche „Holy Saturday“ sind zu Ritualen geworden, die uns verbinden und Erinnerungen zurückbringen. Sie sind zu einer Tradition geworden, die Menschen einander näherbringt, eine Hommage an zwei Personen, Massimo und mich, die Gott, ihre Familien, ihre Freunde und ihr Essen lieben.

 

Piergiorgio Tami ist Sozialunternehmer und arbeitet seit über 20 Jahren in Kambodscha. Er hat mehrere NGOs gegründet, zuletzt Shift 360, und erhielt verschiedene Auszeichnungen, darunter im Jahr 2006 den Brandenberger Preis, eine Art Schweizer Nobelpreis für humanitäres Engagement. Für aktuelle Informationen siehe https://shift360.ch

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