Mach es wie Lulu

2. März 2021

Mach es wie Lulu

Beim Kochen ist es wie in anderen Disziplinen auch, nur wenige schaffen es zu einer grossen Bekanntheit. Es gibt viele gute Köche, wie es auch viele gute Romanautoren oder Kunstmaler gibt, aber nicht selten entscheiden Kleinigkeiten oder Zufälle über Popularität oder Vergessenheit. Warum wurde Jamie Oliver zum bekanntesten zeitgenössischen Koch? Wäre Picasso auch weltberühmt geworden, ohne die unermüdliche Förderung des Geschwisterpaars Leo und Gertrude Stein? Wieso wurde Donna Leon zu einer der meist gelesenen Krimiautoren im deutschsprachigen Raum? Alle diese Personen haben zweifellos Aussergewöhnliches geleistet und die Anerkennung auch verdient, aber es gehörten auch glückliche Umstände dazu, die ihren Erfolg erst möglich machten.

Nun geht es in unserem Leben ja nicht darum, berühmt zu werden und schon gar nicht beim Kochen. Wenn man aus Leidenschaft kocht, dann ist die schönste Anerkennung das ehrliche Lob der Essenden, sei es im kleinen alltäglichen Umfeld einer Familie oder der Freunde, in einem Restaurant oder bei einem besonderen Fest mit Gästen. Eine grossartige und trotzdem bescheidene leidenschaftliche Köchin war auch Lulu, über die ich im Newsletter (Ausgabe Dezember 2019) der „Bandol Vins e Comestibles“ gelesen habe.

Lulu, mit ledigem Namen Lucie Tempier, bekam von ihrem Vater 1936 anlässlich ihrer Hochzeit mit Lucien Peyraud das Weingut Tempier geschenkt, das schon seit mehr als einem Jahrhundert im Familienbesitz war. Das Ehepaar bewirtschaftete das Gut, und Lulu führte dabei einfach die Tradition ihrer Familie fort. Sie öffnete ihr Zuhause für Freunde und Gäste, für die sie typische Gerichte der Provence kochte, die mit dem hauseigenen Wein serviert wurden. Natürlich war Lulu auch eine beeindruckende Persönlichkeit. Sie war Mutter von sieben Kindern, förderte das lokale Kulturleben, war in Vereinen tätig und begleitete ihren Mann auf Reisen durch die ganze Welt, die er als Vize-Vorsitzender des „Institut National de l’Origine et de la Qualité“ unternehmen musste.

Es war dann einer ihrer Gäste, der Kochbuchautor Richard Olney, der aus Begeisterung über Lulus Küche ein Buch über die Peyrauds mit vielen Rezepten aus Lulus Küche schrieb und damit Lulus internationales Renommée begründete. Wie bekannt Lulu in den USA gewesen ist, zeigt die Tatsache, dass ihr die Washington Post zum 100sten Geburtstag im Jahre 2017 einen ausführlichen Artikel widmete. Lulus Engagement in der Küche hatte aber nicht zum Ziel, internationale Bekanntheit zu erlangen. Sie führte lediglich die Tradition ihrer Familie weiter, war darin auch innovativ und kochte einfach das Beste für ihre Freunde und Gäste. Diese bescheidene und gleichzeitig leidenschaftliche Haltung ist eine starke Motivation, etwas zu tun, weil es an sich Wert hat. Dies trifft ganz besonders auf das Kochen zu und diese Einstellung wird jeden ermutigen, der sich darin engagiert, sei es in ganz privatem Rahmen, als Hobbykoch oder als Beruf. Und ob man dabei berühmt wird, ist Nebensache.

Übrigens, Lulu starb im Oktober 2020 im biblischen Alter von 102 Jahren und es wird erzählt, dass sie auf die Frage der Journalisten, was das Geheimnis ihres langen Lebens sei, antwortete, sie trinke nur Rotwein und Champagner, kein Wasser. Rotwein, weil er bekanntlich die Verdauung fördere und Champagner „parce qu’il te fait rire.“

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