Pasta Kochen und Energiesparen

4. Oktober 2022

Pasta Kochen und Energiesparen

Europa steckt mitten in einer Energiekrise, für den kommenden Winter wird vor einer Strommangellage gewarnt und, um darin zu bestehen, kommen von allen Seiten Sparappelle. Die Küche ist naturgemäss energieintensiv. Der Konsumentenforscher Michael Siegrist bemerkte dazu in einem Interview mit der NZZ (Wochenendbeilage vom 24. September 2022), dass das Feuer für das Kochen vermutlich die wichtigste Erfindung überhaupt gewesen sei und daran hätten auch viele neue Technogien nichts geändert. Wer kocht, braucht also Feuer und Feuer ist Energie.

Schon länger werden Energiespartipps für die Küche verbreitet. Webseiten von Gemeinden, Städten, und Energiebetrieben enthalten meistens praktische Hinweise zum Stromverbrauch. Dazu ist zu sagen, dass meine Generation schon seit Kindheit mitbekommen hat, mit Energie sorgfältig umzugehen. So lernte man uns das Licht zu löschen, wenn es nicht mehr gebraucht wurde, beim Wassererhitzen einen Deckel auf die Pfanne zu setzen, beim Abwaschen das heisse Wasser nicht laufenzulassen, oder die Kühlschranktüre nach dem Öffnen möglichst rasch wieder zu schliessen.

Einer der Ersten in der Schweiz, der Energie- und Wasserspartipps populär machte, war alt Bundesrat Adolf Ogi in seinem kultigen Eier-Koch-Filmchen 1988. Für Ältere ein komödiantisches Highlight! (Hier der Link dazu:  https://www.schweizer-illustrierte.ch/stars/schweiz/alt-bundesrat-adolf-ogi-zeigt-wie-man-eier-kocht-energie-sparen). Was er im Video nicht sagt, aber der wichtigste Teil der Methode ist: Wasser mit den Eiern sprudelnd aufkochen lassen, Deckel drauf und Herd abstellen oder, bei Eiern der Grösse L, ungefähr auf Stufe 2 schalten. Je nach Meereshöhe hat man nach etwa 6 Minuten ein hartgekochtes Ei, bei dem das Eigelb noch leicht flüssig ist.

Nun hat die Diskussion um das Energiesparen beim Kochen aber eine weitere Dimension angenommen. Sie erreicht das italienische Nationalheiligtum, die pasta, wie in einem Artikel auf der Webseite von „RedaktionsNetzwerk Deutschland“ zu lesen war.

Ausgelöst wurde die Debatte vom Physiker und Nobelpreisträger Giorgio Parisi von der Römer Universität La Sapienza. Er empfiehlt, das Wasser in der Pfanne zum Kochen zu bringen, die pasta beizugeben, den Deckel aufzusetzen, nach spätestens zwei Minuten den Herd auszuschalten und die pasta einfach etwa eine Minute länger als vom Hersteller empfohlen in der Pfanne zu lassen. Dass auf diese Art Energie gespart wird liegt auf der Hand, Parisi rechnet sogar mit einer erheblichen Einsparung von gegen 47 Prozent und bekommt Unterstützung vom bekannten Chemiker und Food Blogger Dario Bressanini. Dieser weist auf die seit 200 Jahren bekannte Tatsache hin, dass für den Kochvorgang nicht das Sieden, sondern die Temperatur des Wassers entscheidend ist. Pasta und Reis nehmen das Wasser schon bei 80 Grad auf und können so al dente gegart werden.

Dies bestreitet der Römer Starkoch Antonello Colonna auf der Internetseite „franpane.it“ vehement und behauptet, dass auf Parisis Art gekochte pasta nicht richtig al dente, sondern gummig würde. Er räumt zwar ein, dass zu Hause jeder so kochen könne, wie er es wolle, aber wegen der Nachteile für die Konsistenz und den Geschmack der pasta sei die Parisi-Methode für die Gastronomie ungeeignet.

Mittlerweile will die Regierung Italiens in einer nationalen Sensibilisierungskampagne für die freiwillige Reduktion des Energieverbrauchs Parisis Vorschlag aufnehmen.

Mein Bruder hat die Methode sofort ausprobiert. Wasser aufkochen lassen, Salz und Nudeln dazugeben, umrühren, nochmals kurz sprudelnd aufkochen lassen, Deckel drauf, Herd abstellen und Nudeln etwa 5 Minuten länger kochen als auf der Packung angegeben. Hat prima funktioniert, jedenfalls konnte er, der natürlich kein professioneller Spitzenkoch ist, keinen Unterschied bezüglich «al dente» feststellen und gummig war das Resultat keinesfalls. (Hinweis: das Experiment wurde auf einem Induktionsherd mit 100 g Hartweizen Fusilli no 34 von de Cecco in einem Liter Wasser gemacht. Möglich, dass es mit Tagliatelle / Spaghetti, anderen Mengen oder einem anderen Herd unterschiedlich ausgeht.)

Darüber hinaus gibt es im Zusammenhang mit pasta Kochen weitere Tipps zum Energiesparen. Man kann pasta in kaltem Wasser zwei Stunden einweichen, was ihre Kochzeit auf zwei bis drei Minuten verkürzt oder das Nudelwasser im Wasserkocher erhitzen und dann in die Pfanne geben oder nur so viel Wasser in den Topf geben, dass die pasta völlig mit Wasser bedeckt ist, anstatt der üblicherweise empfohlenen 1 Liter pro 100 Gramm.

Ein haushälterischer Umgang mit Ressourcen ist unbestreitbar. Es stellt sich jedoch auch immer die Frage nach der Verhältnismässigkeit in Bezug auf den Nutzen. Im Falle der Fusilli scheint sie für den Pastakocher gegeben, aber den Planeten wird es definitiv nicht retten, selbst wenn bekannterweise «Kleinvieh auch Mist macht». Jedoch nimmt es dem sinnempfindlichen Koch etwas ganz Wesentliches, nämlich Lust und Freude: man hört kein Blubbern des kochenden Wassers, man riecht nicht Pasta in der Küche, kein salziges Spritzwasser versaut den Herd und keine schwimmende Pasta wirbelt spielerisch durchs Wasser. Nach dem behördlich geförderten Gesundheits- und Fitnesswahn und der Klimapanik jetzt also die Stromkeule. Warum würde es niemanden mehr wundern, wenn auf Nahrungsmitteln neben dem Nutri-Score ein Energielabel verlangt wird, wie wir es von Elektrogeräten kennen? Die Fertigprodukte Industrie würde sich freuen, ein paar Minuten Mikrowelle beim Endverbraucher sparen mehr Stromkosten als ein liebevoll vor sich hinköchelnder Brasato. Die moralische Bevormundung treibt seltsame Blüten und bemüht sich immer verzweifelter, ideologisch und politisch selbstverursachte Probleme zu lösen.

Wie aber bringt man diese Dinge zusammen? Einfach mit gesundem Menschenverstand. Genauso, wie man mit Nahrungsmitteln umgeht, soll man auch mit Energie umgehen, nämlich respektvoll, denn beide sind schliesslich Teil der Natur. Asketischer Verzicht kombiniert mit einer Leidenshaltung sind keine Lösung für ein lebenswertes Leben, das sich unsere Vorfahren jahrhundertelang mühsam erkämpft haben.

 

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